Wie ChatGPT & Co Menschen mit ADHS und Autismus unterstützen
- Pauker 61

- 2. Aug.
- 8 Min. Lesezeit
Einleitung – Lebenswelten verstehen
Aufmerksamkeitsdefizit‑/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Autismus‑Spektrum‑Störungen (ASS) gehören zu den häufigsten neurobiologischen Entwicklungsstörungen. Beide beginnen meist in der Kindheit und begleiten die Betroffenen oft ein Leben lang. Das Bundesgesundheitsministerium beschreibt ADHS als eine Störung, die durch Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gekennzeichnet ist. Die Symptome müssen über mindestens sechs Monate bestehen und in verschiedenen Lebensbereichen auftreten; bei Kindern sind 2–6 % betroffen, doch auch Erwachsene leiden unter der Störung[1]. Autismus wiederum ist laut Autismus Deutschland e.V. eine komplexe, neurologische Entwicklungsstörung. Sie beeinflusst die Wahrnehmungs‑ und Informationsverarbeitung und führt zu Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, Kommunikation und zu wiederholenden Verhaltensmustern[2]. Zu den Diagnosen gehören frühkindlicher Autismus, Asperger‑Syndrom und atypischer Autismus[3].
In den letzten Jahren haben digitale Werkzeuge Einzug in die Lebenswelt neurodivergenter Menschen gehalten. Künstliche Intelligenz (KI) – insbesondere Sprachmodelle wie ChatGPT – bieten neue Unterstützungsmöglichkeiten. Doch was können ChatGPT & Co wirklich leisten, und wo liegen ihre Grenzen?
Was bedeutet „ChatGPT & Co“?
Große Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) wie ChatGPT sind computerbasierte Programme, die auf riesigen Textdatenmengen trainiert werden. Sie generieren Antworten auf Fragen oder Aufgaben in natürlicher Sprache. Die Anziehungskraft solcher Systeme besteht in ihrer sofortigen Verfügbarkeit und konsequenten Neutralität: Sie werden nicht müde, sind anonym nutzbar und können strukturierte Gespräche führen. Bei der Nutzung in der Selbsthilfe beschreibt der Blogger Charme & Chaos etwa, dass ChatGPT ohne Wartezeiten verfügbar ist, keine Termine oder Wartezimmer benötigt und die Kosten niedrig sind[4]. Im Vergleich zu herkömmlicher Beratung können Betroffene selbst entscheiden, wann und wie sie mit der KI „sprechen“, ohne Reizüberflutung oder Bewertung erleben zu müssen[4].
Der Einsatz von LLMs geht aber über einfache Unterhaltung hinaus: Sie können Informationen zusammenfassen, Texte in andere Formate bringen, Tonfälle anpassen und Anregungen liefern. Für Menschen mit ADHS und Autismus eröffnet dies neue Wege, ihre Gedanken zu ordnen, Aufgaben zu planen oder soziale Situationen zu reflektieren.
Struktur und Tagesgestaltung: Unterstützung bei ADHS
Eine der größten Herausforderungen von Menschen mit ADHS ist das Gefühl, vor einem Berg von Aufgaben zu stehen und nicht zu wissen, wo sie anfangen sollen. Moderne KI‑Werkzeuge helfen, diesen Berg zu zerlegen. Die Plattform GAM Medical beschreibt, wie KI Aktivitäten in kleinere Schritte zerlegt und so die Bewältigung von Aufgaben erleichtert[5]. Spezialisierte Tools wie Magic ToDo im Tool‑Set Goblin Tools gehen noch weiter: Die Anwendung lässt sich eine Aufgabe in Unteraufgaben zerlegen; man wählt einen „Schärfegrad“ (spiciness), der bestimmt, wie kleinteilig die Schritte ausfallen[6]. Solche „micro‑tasks“ wirken dem Gefühl der Überforderung entgegen und helfen, den Anfang zu finden.
Zeitplanung und Organisation
KI kann auch bei der Zeitplanung unterstützen. GAM Medical erklärt, dass es Tools gibt, die Aktivitäten planen, Zeitblindheit entgegenwirken und Ausgaben überwachen, indem sie an Fristen erinnern und Budgets im Blick behalten[7]. Für Erwachsene mit ADHS sind Programme zur Text‑in‑Sprache‑Umwandlung oder „Bionic Reading“ hilfreich; diese Formate machen lange Texte leichter zugänglich[8]. Außerdem kann ChatGPT Erinnerungen programmieren und alternative Erklärungen zu Unterrichtsstoff liefern[9].
Der Podcast‑Blog ADHD Support Talk beschreibt weitere alltägliche Vorteile: ChatGPT kann helfen, aus einem leeren Blatt Papier herauszukommen, indem es Ideen liefert; es fasst Nachrichten präzise zusammen, damit wichtige Informationen nicht übersehen werden; es unterstützt beim Erstellen von Plänen und Prioritätenlisten; es hilft sogar beim Gamifizieren von Haushaltsaufgaben oder beim Erstellen von Einkaufslisten[10]. Wichtig ist dabei: Die KI reduziert zwar die Hürden, übernimmt aber nicht die Verantwortung. Sie kann nicht entscheiden, welche Aufgabe wirklich wichtig ist – das bleibt in der Hand der Nutzerin oder des Nutzers.
Emotionale Regulation und Kommunikation
Viele Menschen mit ADHS haben Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu regulieren oder eine passende Tonlage zu treffen. ChatGPT kann Texte in verschiedenen Stilen umformulieren, wodurch höfliche E‑Mails oder klare Bitten einfacher werden[11]. Das Formalizer‑Tool von Goblin Tools bietet ähnliches: Man wählt unter professionell, freundlich, technisch oder umgangssprachlich; die KI passt den Tonfall entsprechend an[12]. Das Judge‑Tool schätzt die emotionale Färbung eines Textes und hilft so, Botschaften korrekt zu interpretieren[13]. Solche Funktionen können gerade in der schriftlichen Kommunikation Konflikte verhindern und Missverständnisse reduzieren.
Spezialisierte KI‑Hilfen für Autismus
Menschen im Autismus‑Spektrum benötigen oft klare Regeln und eine sichere Umgebung, um soziale Situationen zu verstehen. Die Washington Post berichtete 2025 über den Autistic Translator (heute NeuroTranslator). Nutzende geben eine Situation ein, und das Programm liefert die ungesagten Nuancen, etwa warum Kolleg:innen unzufrieden wirkten oder welche versteckten Botschaften in einer Aussage stecken[14]. Betroffene wie Theron Pierce beschrieben, dass die KI ihnen half zu erkennen, dass ihre Fragen als Unselbstständigkeit wahrgenommen wurden, was „Augen öffnend“ war[15]. Die Psychologin Elizabeth Laugeson hebt hervor, dass solche Tools hilfreich sind, weil Menschen mit Autismus oft in Regeln denken und eine neutrale Rückmeldung erhalten können[16].
Doch die Expertinnen warnen auch: KI versteht keine nonverbalen Signale und hat Schwierigkeiten mit Kontext[17]. Stanford‑Forscher Lawrence Fung betont, dass die Antworten der KI immer vom Input der Nutzer abhängen; bei unklaren Beschreibungen liefert sie nur vage oder falsche Hinweise[18]. Der Übersetzer selbst weist darauf hin, dass er komplexe Themen wie Gewalt oder medizinische Fragen nicht beantwortet und an reale Experten verweist[19]. Insgesamt gilt: Der Autistic Translator kann das Verständnis erleichtern und das Selbstbewusstsein stärken, ersetzt aber kein persönliches Feedback und keine Therapiebegleitung[20].
Paradot, Replika & Co – virtuelle Begleiter
Neben Chatbots, die Text analysieren, gibt es immer mehr KI‑Begleiter in Form von Avataren. Dienste wie Paradot oder Replika lassen Nutzende einen persönlichen Avatar gestalten, der Gespräche führt und emotionale Unterstützung bietet. Autistische Nutzer wie Elías López (in Berichten des Tech‑Portals IT Boltwise) schätzen die Möglichkeit, soziale Situationen zu üben und Vertrauen zu gewinnen, bevor sie reale Interaktionen wagen[21]. Doch Fachleute warnen vor übermäßiger Abhängigkeit: Avatare liefern ständige Bestätigung und können dazu führen, dass sich Betroffene weiter isolieren, wenn die Nutzung nicht von Profis begleitet wird[22]. Forschungsprojekte wie das Stanford‑Programm von Koegel & Lam untersuchen derzeit, wie solche Avatare als Ergänzung zur Therapie eingesetzt werden können[23].
Ein weiteres Beispiel ist das Projekt Moxie, ein Roboter, der autistischen Kindern soziale Fähigkeiten beibringt[22]. Die Forschung rät zu einer Balance: Die Avatare sollten realistisch genug sein, damit Kinder die sozialen Signale übertragen können, aber nicht so menschlich, dass eine übermäßige Bindung entsteht.
Goblin Tools – Hilfskasten für den Alltag
Goblin Tools ist eine Sammlung einfacher KI‑Werkzeuge speziell für neurodivergente Menschen. Das Projekt beschreibt seine Mission, „überwältigende Aufgaben zu vereinfachen“[24]. Neben Magic ToDo und Formalizer gibt es weitere nützliche Helfer:
· Estimator: schätzt die Dauer einer Aktivität, wobei der „Schärfegrad“ die Konzentrationsschwierigkeit widerspiegelt[25].
· Compiler: verwandelt Brain‑Dumps in klare Aufgabenlisten[26].
· Professor: erklärt Themen auf unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen, weist aber darauf hin, dass die Informationen nicht immer korrekt sein könnten[27].
· Consultant: listet Pro‑ und Contra‑Argumente für Entscheidungen auf und erinnert daran, dass die KI nur mit den eingegebenen Daten arbeiten kann[28].
· Judge und Formalizer wurden bereits erwähnt; Chef erstellt Rezepte aus vorhandenen Zutaten[29].
Die Entwickler warnen selbst davor, die Ergebnisse als absolute Wahrheit zu sehen; die Tools dienen als Starthilfe, nicht als Ersatz für medizinische Diagnosen[24].
KI in der Diagnostik – Chancen und Vorsicht
Forscherinnen und Forscher arbeiten daran, LLMs zur Unterstützung von Diagnosen einzusetzen. Eine Studie im Fachmagazin Cell (2024) trainierte GPT‑4 und ein spezielles Modell (Clinician‑LLaMA) mit 40 000 klinischen Berichten über autistische Patienten. Das Ergebnis: Die Modelle konnten den Diagnoseprozess der Ärzte nachahmen und deuteten darauf hin, dass in den Berichten repetitive Verhaltensweisen stärker betont werden als soziale Interaktion[30]. Die Forschenden betonen jedoch, dass solche Systeme lediglich Mustererkennung betreiben und menschliche Expertinnen nicht ersetzen[30].
Auch in der ADHS‑Behandlung werden LLMs getestet. In einer Delphi‑Studie, die im „Future of ADHD Care“ veröffentlicht wurde, bewerteten Expertinnen einen ChatGPT‑Prototypen. Sie lobten die Empathie und Anpassungsfähigkeit des Modells, sahen darin jedoch eher eine Ergänzung zur Therapie[31]. KI kann rund um die Uhr erreichbar sein, Zeit und Kosten sparen und das Angebot erweitern[32]. Gleichzeitig zeigte eine Studie zur Lesekompetenz, dass ChatGPT in bestimmten Kontexten das Verständnis verschlechtert[33]. Ein weiteres Experiment ergab, dass ChatGPT Behandlungspläne entwerfen konnte, aber bei der Diagnosestellung nur eine 66‑prozentige Genauigkeit erreichte[34].
GAM Medical stellt dar, dass KI‑basierte Diagnostik derzeit vor allem Fragebögen und Analyse von Hirnscans nutzt. Die Ergebnisse müssen immer von Fachpersonen interpretiert werden[35]. Es besteht zudem die Gefahr, dass digitale Lösungen zu Ablenkung und Abhängigkeit führen[36].
Grenzen, Risiken und ethische Aspekte
Während die Möglichkeiten faszinieren, mahnen Expertinnen zur Zurückhaltung. Die therapeutische Nutzung von ChatGPT kann Selbstreflexion anregen, doch das Modell kann weder Diagnosen stellen, noch Krisen begleiten oder nonverbale Signale deuten[37]. Ohne menschliche Führung kann es zu Fehlinterpretationen kommen – etwa wenn die KI höfliche Floskeln erstellt, die jedoch nicht zur tatsächlichen Situation passen.
Die Washington‑Post‑Reportage zeigt, dass auch positive Erfahrungen die Grenzen nicht verdecken. Elizabeth Laugeson warnt, dass eine übermäßige Abhängigkeit von KI Selbstvertretung und persönliche Unterstützung behindern kann[38]. Nutzer wie Phillip Lee berichteten, dass sie sich lieber an reale Menschen wenden, weil die KI bei komplexen Fragen nur vage antwortet[39].
Weitere ethische Bedenken betreffen Datenschutz und Bias. Chatbots erfassen sensible Informationen; unklar ist, wie lange diese gespeichert oder mit Dritten geteilt werden. Zudem spiegeln LLMs die Daten wider, auf denen sie trainiert wurden – bestehende Vorurteile könnten somit reproduziert werden. Forscherinnen fordern daher Transparenz, Regulierung und die Einbindung von Betroffenen in die Entwicklung[40].
Schließlich sollte betont werden, dass menschliche Beziehungen und klassische Therapieformen unersetzlich bleiben. In der Tradition der Heilpädagogik werden Strukturen, Routinen und vertrauensvolle Bindungen als Grundpfeiler angesehen. KI‑Werkzeuge sollten diese Werte ergänzen, nicht ersetzen.
Blick nach vorne – Tradition und Innovation verbinden
Wie können wir also ChatGPT & Co sinnvoll nutzen? Hier einige Anregungen aus der Praxis:
1. Komplementäre Nutzung: Verwenden Sie KI als Ergänzung zu traditionellen Methoden. Beispiel: Nach einem Therapietermin können ChatGPT oder Goblin Tools helfen, die besprochenen Aufgaben in eine To‑Do‑Liste zu überführen.
2. Klare Grenzen definieren: Setzen Sie sich Zeitfenster für den KI‑Gebrauch, um Abhängigkeiten und Ablenkungen zu vermeiden.
3. Selbstreflexion fördern: Nutzen Sie ChatGPT für Tagebuch‑ oder Reflexionsfragen. Die neutrale, wertfreie Rückmeldung kann dabei helfen, Gedanken zu ordnen.
4. Professionelle Begleitung suchen: Bei Fragen zur Diagnose, Therapie oder bei Krisen immer Fachpersonen konsultieren. KI darf weder Diagnosen ersetzen noch Therapieanweisungen erteilen.
5. Eigene Daten schützen: Geben Sie keine sensiblen Informationen preis und prüfen Sie die Datenschutzbestimmungen der verwendeten Apps.
Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass Routinen und klare Strukturen für Menschen mit ADHS und Autismus lebenswichtig sind. Traditionelle pädagogische Ansätze wie feste Tagespläne, visuelle Hilfsmittel und soziale Geschichten bleiben ebenso relevant wie unterstützende Gemeinschaften. Gleichzeitig bietet die digitale Welt neue Werkzeuge, um diese traditionellen Methoden zu verstärken. ChatGPT und spezialisierte Tools wie Goblin Tools oder NeuroTranslator können den Alltag erleichtern, indem sie Struktur schaffen, Kommunikation verbessern und soziale Hürden abbauen.
Mit Augenmaß eingesetzt, können ChatGPT & Co Menschen mit ADHS und Autismus empowern und ihnen helfen, ihren eigenen Weg selbstbewusst zu gehen. Der Schlüssel liegt darin, die Balance zwischen bewährter Tradition und moderner Innovation zu finden.
[1] Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) | BMG
[4] [37] Therapie im digitalen Dialog: Meine Erfahrungen mit ChatGPT / Blog | Charme& Chaos... Echt jetzt? -Eine Reise durch Gedankenstürme, Glitzermomente & echtes Leben
[6] Magic ToDo - Goblin Tools
[10] ChatGPT & AI for ADHD: AI Can Help Get Unstuck and Stay on Track
[12] Formalizer - Goblin Tools
[13] The Judge - Goblin Tools
[14] [15] [16] [17] [18] [19] [20] [38] [39] AI is helping autistic people with social mishaps - The Washington Post
[24] About - Goblin Tools
[25] Estimator - Goblin Tools
[26] Compiler - Goblin Tools
[27] The Professor - Goblin Tools
[28] The Consultant - Goblin Tools
[29] The Chef - Goblin Tools
[30] Sprachmodelle für die Diagnose von Autismus










Kommentare